Ein Backsteingebäude zwischen Bäumen
Das ehemalige Offizierskasino soll in den nächsten vier Jahren zu einem Ort für Kultur, Begegnung und Bildung werden.
14.08.2026
Kooperationen

Zwischen Alt und Neu

Das ehemalige Offizierskasino der York-Kaserne soll in den kommenden Jahren zu einem Nachbarschaftshaus umgebaut werden. Der Rat der Stadt Münster hat dafür Ende März den denkmalgerechten Umbau beschlossen. Mit der Eröffnung Ende 2028 wird der Verein „York:Kasino Erinnern–Begegnen–Gestalten e.V.“ den Betrieb übernehmen. Dass hinter dem Projekt Menschen mit ganz unterschiedlichen Perspektiven stehen, zeigt sich schon im Gespräch mit drei Beteiligten: Gesine Heger, Werner Dzudzek und Henning Spenthoff. 

Heger, die stellvertretende Vorsitzende des Vereins, ist vor rund zwei Jahren ins Teilquartier Gartenwohnen gezogen und ist Vertreterin einer jungen Generation, die das neue Viertel aktiv mitgestalten möchte. Dzudzek, erster Vorsitzender, dagegen lebt seit rund 30 Jahren in Gremmendorf und erinnert sich noch gut an die Zeit der Kaserne. Gemeinsam stehen sie sinnbildlich für das Ziel des Projekts: Gremmendorf und York, Alt und Neu miteinander zu verbinden. 

Zum Namen des Vereins sagen die Beteiligten, dass sich die Bezeichnung „Kasino“ im Stadtteil längst etabliert habe. „Niemand denkt dabei an eine Spielhalle, sondern sofort an das alte Gebäude im York-Quartier“, berichtet Spenthoff. Deshalb habe man den Begriff bewusst übernommen und mit dem programmatischen Zusatz „Erinnern – Begegnen – Gestalten“ verbunden.  
 

Porträtfotos von drei Personen
Gesine Heger (stellv. Vorsitzende York:Kasino), Henning Spenthoff (Projektkoordinator Zentrumsentwicklung für Gremmendorf) und Werner Dudzek (Vorsitzender York:Kasino): Die Ehrenamtlichen des Vereins York:Kasino arbeiten mit Herzblut an ihrer Vision für die Zukunft des Quartiers.
Großer Saal mit Pakettboden
Die großzügigen Räume des Offizierskasinos bieten perfekte Voraussetzungen, um das Haus für Veranstaltungen, Vereine und Initiativen im Quartier umzufunktionieren.

Ein Rohdiamant für den Stadtteil

Werner Dzudzek begleitet die Entwicklung des Areals schon seit den ersten Diskussionen über die Konversion der ehemaligen Kaserne. Der Geograph mit Schwerpunkt Stadt- und Umweltentwicklung sieht im York:Kasino einen Ort, den der Südosten Münsters dringend benötigt. „Das Kasino bietet ganz viele Chancen für unseren Stadtteil“, sagt Dzudzek. „Dieses Haus ist ein Rohdiamant, der geschliffen werden muss und dem man viel Leben einhauchen kann.“ Schon vor dem geplanten Umbau hätten Vereine einzelne Räume sporadisch nutzen können – etwa ein Tangoverein, dem er selbst angehört. Doch nun gehe es darum, daraus dauerhaft einen offenen Treffpunkt zu machen. „Den Vereinen fehlen Räume“, sagt er. Gesine Heger betont, dass sich das Angebot ausdrücklich nicht nur an klassische Vereine richten solle. „Es geht darum, ein Haus zu schaffen, in dem man niedrigschwellig etwas für Menschen anbieten kann – gerade auch kleine Gruppierungen oder Initiativen, die noch gar nicht die Strukturen eines Vereins haben.“ Das Nutzungskonzept soll bewusst flexibel bleiben. „Es darf nicht alles komplett ausgebucht sein“, sagt Dzudzek. Auch Gruppen, die nur einmal im Jahr etwas organisieren wollen, sollen Platz finden. 

Ein Haus für Begegnungen

Gerade diese Offenheit ist Gesine Heger wichtig. Die Literaturwissenschaftlerin arbeitet im Kulturbereich und engagiert sich seit ihrem Einzug ins York-Quartier für den Aufbau neuer Nachbarschaftsstrukturen. „Viele Leute haben gute Ideen, aber ihnen fehlen Räume oder Möglichkeiten“, berichtet sie. Der Verein kann dabei als Scharnierstelle funktionieren. Wer etwa einen Yoga-Kurs oder eine Lesung organisieren will, erhält vom Verein Unterstützung bei Versicherung, Öffentlichkeitsarbeit oder Raumnutzung.
 

Schon jetzt entstehen erste Angebote: In Kooperation mit der Grundschule organisierte Heger eine Kinderlesung mit rund 60 Anmeldungen. Besonders wichtig ist ihr die direkte Ansprache. Es gibt bereits Überlegungen zu zweisprachigen Lesungen, etwa auf Arabisch oder Französisch, um auch Vielfalt der Sprachen und Kulturen im Stadtteil abzubilden und möglichst alle Nachbarn anzusprechen. „Beziehungsarbeit ist das Entscheidende“, sagt Heger.

Der Eingang des Gebäudes
Neben dem denkmalgeschützten Gebäude aus den Dreißigerjahren soll auch die umliegende Grünfläche, der Kasinopark, neugestaltet werden, wobei der alte Baumbestand dort erhalten bleibt.
Ein Mann der im großes Saal mit Pakettboden steht
Der große Tanzsaal mit Parkettboden bleibt ein großer Veranstaltungsraum, auf der Empore, wo früher die britische Militärkapelle gespielt hat, finden sich künftig Anschlüsse für DJs.

Architektur mit Geschichte

Architektonisch bietet das ehemalige Kasino beste Voraussetzung für die geplante Nutzung. Das Kasino war früher schon ein Veranstaltungsort und bleibt ein Veranstaltungsort, deshalb muss am grundsätzlichen Raumprogramm gar nicht so viel verändert werden: Der große Tanzsaal mit Parkettboden bleibt ein großer Veranstaltungsraum, im Obergeschoss gibt es kleinere Seminarräume. Auf der Empore, wo früher die britische Militärkapelle gespielt hat, finden sich künftig Anschlüsse für DJs.
 

Die „Wandelbar“ als Experimentierfeld

Während das eigentliche Kasino noch auf den Umbau wartet, entsteht mit der „Wandelbar“ bereits ein erster Begegnungsort. Dafür renovierten Ehrenamtliche eine leerstehende Garage im ehemaligen Wachgebäude – ohne Heizung, ohne Wasser und zunächst sogar ohne Strom. „Zehn bis fünfzehn Leute haben dort gespachtelt, gestrichen und eine Theke eingebaut“, erzählt Spenthoff. Strom kommt derzeit noch per Kabel aus der benachbarten Schule.

Einmal im Monat öffnet die Wandelbar nun als nicht-kommerzieller Treffpunkt. Immer am dritten Donnerstag im Monat treffen sich dort Menschen aus dem Viertel niedrigschwellig und ohne Konsumzwang. „Wir brauchen in Gremmendorf einen solchen zwanglosen Begegnungsort“, sagt Spenthoff. Viele Menschen wollten sich nicht immer in der Innenstadt treffen. Dass das Konzept funktioniert, zeigte sich bereits beim Aufbau. Immer wieder blieben Spaziergänger oder Radfahrer neugierig stehen. Einer von ihnen, ein gelernter Elektriker, habe spontan Hilfe angeboten und am nächsten Tag die Anschlüsse installiert. Pünktlich zur Eröffnung Ende Mai war dann auch alles fertig und fast 250 Menschen aus dem Stadtteil konnten sich vor Ort ein Bild von der gelungenen Umgestaltung machen. „Viele Menschen, viele Gespräche und ein gutes Miteinander – da lag so ein positiver Vibe in der Luft, das war super!“, berichtet Spenthoff vom Eröffnungsabend.

Fensterfront des Saals
Das Offizierskasino wartet darauf, mit Leben gefüllt zu werden.
Ein Mann vor dem Eingang des Offizierskasino
Wie Spuren der Vergangenheit erinnert werden sollen, erarbeitet gerade eine Arbeitsgruppe.

Demokratie als gelebtes Miteinander

Der Verein versteht das York:Kasino ausdrücklich als „Ort der Demokratie“. Für die Beteiligten, die politisch unabhängig bleiben möchten, bedeutet das etwas anderes als klassische Parteipolitik. „Menschen vernetzen, um Probleme gemeinsam anzugehen“, beschreibt Dzudzek das Demokratieverständnis des Vereins. Dazu gehören auch Arbeitsgruppen, die bereits jetzt Konzepte entwickeln – etwa zur Historie, zur Diversität oder zur späteren Nutzung der Räume. Die Arbeitsgruppe „Zeitzeichen“ entwickelt Ideen dafür, wie Erinnerungen, Geschichten und historische Hintergründe im Haus aufgegriffen werden können – von der Erbauung in der NS-Zeit über die Nutzung durch die britischen Streitkräfte bis hin zur heutigen Umwandlung in ein offenes Haus für die gesamte Nachbarschaft und Münster Südost. .

Viel Arbeit und große Erwartungen

Noch steht das Projekt am Anfang. Der eigentliche Umbau des Kasinos wird mehrere Jahre dauern, die Wiedereröffnung ist derzeit für Ende 2028 geplant. Bis dahin wollen die Engagierten möglichst viele Strukturen aufbauen, damit das Haus nach der Schlüsselübergabe sofort belebt werden kann.

Eine der größten Herausforderungen bleibt dabei die Finanzierung. Möglich geworden sei das Projekt erst durch Bundesfördermittel aus dem Programm „Nationale Projekte des Städtebaus“. Auch langfristig werde das Projekt auf unterschiedliche Finanzierungsquellen angewiesen sein. In der ersten Zeit sollen Nebenkosten teilweise noch aufgefangen werden, später soll sich das Haus schrittweise über Mitgliedsbeiträge, private Fördernetzwerke, Sponsoring durch Unternehmen und öffentliche Fördergelder tragen. 

„Ein Stadtteilhaus, das durch Ehrenamtliche betrieben wird – das ist schon etwas Besonderes“, sagt Heger. Spenthoff ergänzt: „Mein Wunsch ist, dass Menschen weniger darüber sprechen, was ,man müsste‘ oder ,man könnte‘, sondern selbst aktiv werden.“ Derzeit tragen wenige Menschen einen Großteil der Arbeit. Trotzdem sind die Beteiligten optimistisch, möglichst viele Menschen zum Mitmachen motivieren zu können. „Immer neue Menschen aus dem York-Quartier und dem alten Teil Gremmendorfs kommen dazu“, berichtet Heger. „Da sieht man schon eine echte Durchmischung.“ Damit ist ein zentrales Ziel des Projekts eigentlich bereits jetzt ein gutes Stück erreicht.

Die Vision für die Zukunft? Ein Haus voller Leben, in dem täglich etwas stattfindet. Ein Ort, an dem man Bekannte trifft, neue Kontakte knüpft und selbstverständlich vorbeikommt, egal ob man schon lange in Gremmendorf lebt oder gerade erst ins York-Quartier gezogen ist. Oder, wie Gesine Heger sagt: „Irgendwann soll Öffentlichkeitsarbeit gar nicht mehr das Wichtigste sein – weil einfach alle wissen: Das Kasino ist da.“

Offizierskasino zwischen Bäumen
Das Nachbarschaftshaus soll zu einem belebten Ort im Quartier werden.

Mitmachen im Verein York:Kasino Erinnern–Begegnen–Gestalten e. V.

Sie möchten das York:Kasino aktiv mitgestalten oder einfach regelmäßig über Veranstaltungen informiert bleiben? 
Melden Sie sich unter: hallo@york-kasino.de

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